Seelenfrieden24 Hilfe bei Störungen, Ängsten, Panikattacken und Zwängen

Heilpraktikerin für Psychotherapie

spezialisiert auf Panikattacken
durch Ängste, Phobien, Zwänge

Mein Leben mit Panikattacken + Auswanderung

14. Feb 2023 | Über mich

Heute geht es weiter mit „Hallo! Hier ist Claudia! Teil 3. Im 1. Teil habe ich bereits erzählt, warum ich eigentlich Heilpraktiker für Psychotherapie geworden bin und welchen Mehrwert ich dadurch für Dich geschaffen habe. Im 2. Teil habe ich einen Einblick in den Beginn meiner eigenen Erfahrung mit Panikattacken gegeben und berichtet, wie sich diese zum Höhepunkt entwickeln haben. Heute, in Teil 3 erzähle ich die Geschichte vom Höhepunkt bis zur ersten Linderung weiter, bevor ich dann in Teil 4 von meiner Heilung und dem anschließenden Weg zu meinen eigenen Therapie-Programmen berichten werde. Am besten Ihr lest Euch Teil 1 und Teil 2 zuerst durch, damit Euch für das Folgende kein Input fehlt.

In Therapien fand ich keine Hilfe,- das schlimmste an dem Teufelskreis

…Ich fand also nicht die richtige Hilfe für meine Beschwerden – oder besser gesagt nicht die richtige Hilfe, die mich als Mensch mit meiner individuellen Persönlichkeit hätte abholen können, wodurch sich nicht nur meine psychische Erkrankung in die Länge zog und verschlechterte, sondern auch verlor ich jegliche Hoffnung auf Besserung.

Ich wohnte noch in der kleinen Stadt, zurück im Schoße meiner Mutter, in genau der Situation, die den größten Anteil daran hatte, dass ich überhaupt psychisch erkrankte. Es war der größte Fehler, genau dorthin zurück zu gehen, wo mein Organismus und meine Psyche rund um die Uhr mit Stresshormonen geflutet wurde.

Meine psychische Erkrankung entwickelte sich bereits in der Kindheit.

Blicke ich heute auf die Dinge, habe ich die krassen Panikattacken erlebt, eben weil seit meiner Kindheit in diesem Umfeld mein Stresspegel so voll gelaufen ist, dass der Behälter am Tag meiner ersten Panikattacke komplett übergelaufen, ja gesprengt worden ist. Bleibt man in dieser Situation, ohne das Stressglas zu reparieren und kommt dann gleichzeitig auch noch immer neuer Stress hinzu, so ist das Ergebnis eine Endlosschleife von Angstsymptomen und Panikattacken.

Abgesehen davon, dass ich diese Verbindung damals absolut nicht sehen konnte, denn in den Momenten der Todesangst und mit Beginn einer psychischen Erkrankung fällt Dir alles dazu ein, aber nicht, dass Dein Leben ein einziger Misthaufen ist und Du durch die übermächtigen Symptome der Psyche dazu aufgefordert wirst, Handlungsbedarf abzuleiten, um Deine gesamte Lebensstruktur zu verändern, fühlte ich mich so abhängig von einer Schutzperson, die im Notfall der Herzinfarkt-ähnlichen Symptome hätte Hilfe holen können, dass ich lieber in diese Situation, in der es mir schon lange sehr schlecht ging, zurück ging, als allein zu bleiben. Denn die Symptome sind die Hölle, selbst wenn jemand bei Dir ist. Ausrichten kann diese Person eher gar nichts. Die Todesangst ist dadurch nicht weniger stark. Die Symptome aber allein durchzumachen, ist die wahre Hölle – Du bist ja nicht einmal mehr fähig Dich zu bewegen, mit einer gefühlten Sauerstoffsättigung von 20 nach Luft hechelnd – am ganzen Körper zitternd, aber zeitgleich mit einem Taubheitsgefühl.

Tägliche Symptome waren mein neues Leben.

Das war also mein neues Leben. Ich wachte mit Watte im Kopf auf, fühlte mich benommen und war innerlich so unruhig, in ständiger Erwartung an die nächste Attacke. Sie kam, da brauchte ich mir keine Sorgen machen, allein schon, wegen der Symptome, die ich jeden Morgen wahr nahm, wenn ich meinen Körper scannte. Das war quasi mein neues Hobby oder – wie ich es heute sagen würde – schon zwanghaftes Verhalten. Ich überwachte meinen Körper, auf der einen Seite, indem ich ihn von oben bis unten scannte und jedes kleinste Wehwehchen wahrnahm und auf der anderen Seite, indem ich meinen Puls und meinen Blutdruck sowie meine Sauerstoffsättigung überwachte.

War der Ruhepuls über 85, so fing ich direkt an zu Hyperventilieren und auf Grund der Gedanken „oh Gott, es geht schon wieder los“ ging es dann auch los. Wenn auch nichts mehr in meinem Leben sicher war, darauf konnte ich mich verlassen.

Ich habe die psychische Erkrankung zwar verstanden, konnte sie aber nicht beenden.

Es dauerte lange, bis ich verstehen konnte, warum ich schon mit den Beschwerden wach geworden bin, durch die ich mich immer wieder selbst in das nächste Extrem reinsteigerte. Mein mentales Stresslevel war so überlaufen und weil es gleichzeitig Tag ein Tag aus weiter gefüllt wurde, hatte ich diese Symptome unentwegt, weil mein Körper und meine Psyche den Stress anders nicht mehr abbauen konnten. Denn wenn ein Behälter überlaufen ist und wirklich jede Ecke im Organismus zur Ablagerung von Stress ausgenutzt wurde, kann der neue Stress also gar nicht mehr geparkt werden. Es findet ein offener Kampf statt und dieser innerpsychische Krieg gegen die Stresshormone äußert sich über Beschwerden wie zum Beispiel Beklemmungen, Benommenheit, Atemprobleme, Herzrasen, Kribbelgefühle oder Übelkeit. Für mich aber war das Signal: Du wirst sterben.

Und weil man diese Angstsymptome und Panikattacken dazu auf gar keinen Fall unter Menschen oder in unangenehmen Situationen haben möchte, vermied ich fortan alles. Man kann sagen, ich war ans Haus gefesselt. Ein Häufchen Elend. Undenkbar für mich, so eine Attacke in der Öffentlichkeit oder gar vor meinen Freunden zu bekommen.

Wie sollte ich etwas erklären, was ich mir selbst nicht erklären konnte? Ich lebte bereits ein Jahr mit Panikattacken und natürlich habe ich in diesem Jahr gelernt, dass die akuten Phasen immer gleich abliefen und am Ende die Katastrophengedanken, wie etwa der medizinische Notfall nebst dem kompletten Kontrollverlust über den eigenen Körper nicht eintrifft und ich konnte auch verstehen, dass es wohl nichts organisches ist, aber dennoch kam jede Akutphase einem mentalen Zusammenbruch gleich. Da ist Hilflosigkeit, da ist Erklärungsnot, da ist Scham.

Ich wollte nicht, dass mich jemand so sieht, was aber auch sehr unwahrscheinlich war, weil der Weg zu Freunden, zum Restaurant, zum Supermarkt oder zur Arbeit ohnehin schon unmöglich war.

Vermeidungsverhalten brachte auch keine Sicherheit.

Die erste Panikattacke ereilte mich im Auto, weshalb ich fortan das Auto als Gefahr bewertete und die Angst vor der Angst mich nicht mehr einstiegen ließ. Übrigens auch nicht als Beifahrer, denn was wäre, wenn ich eine Attacke hätte und die nächste Ausfahrt auf der Autobahn oder der nächste Ort mit einem Krankenhaus noch weit entfernt wäre? Was wenn da kein Seitenstreifen ist, egal ob auf der Autobahn oder auf der Landstraße? Was, wenn sich ein Stau aufbaut und ich festklemme?

Mit Symptomen nicht händelbar, für mich weder als Fahrer, noch als Beifahrer.

Aber auch Alternativen wie der Bus oder die Bahn waren für mich nicht mehr möglich, genauso wenig wie alle anderen Situationen, die ich nicht selbstbestimmt hätte verlassen können, entweder, weil es nicht möglich ist wie bei Flugzeugen oder Fahrstühlen oder weil ich peinlich aufgefallen wäre wie bei Meetings, Schlangen an der Supermarktkasse oder Gottesdiensten. Diese erwähne ich, weil ich wie im 1. Teil erzählt, auch Hochzeitsfotografin bin und heute jedes Mal wieder froh bin, dass zum Beispiel diese Situation während der Trauung der Brautpaare kein Problem mehr darstellt. Ich sitze dabei ja nicht nur ganz hinten in der Kirche, sondern stehe ich vorne neben dem Pfarrer, sodass mich quasi die gesamte Hochzeitsgesellschaft ansieht. Auch Menschenansammlungen konnte ich damals nicht mehr aushalten, sei es einfach nur in der vollen Fußgängerzone oder auch auf Events. Ich brauchte quasi immer einen Fluchtweg.

Was total konfus ist, auf der anderen Seite konnte ich aber auch leere und weitläufige Orte nicht ertragen. Ich ging nicht mal mehr mit unserem Hund über eine Wiese, wenn ich die bebaute Siedlung nicht mehr sehen konnte, Häuser also, bei denen ich hätte klingeln können, wenn ich wieder glaubte, umzufallen. Sobald ich einsame Gegenden aufsuchte konnte ich nicht mehr klar sehen, ich hatte eine Gangunsicherheit, um mich herum war alles neblig und am flimmern.

Eigene Bedürfnisse erkennen, – der Schritt zur Besserung

Wir befinden uns im Frühjahr 2012 und ich verbrachte die Zeit also zu Hause bei Mama, die Symptome waren schwankend, aber da. Meine Welt war dunkel, hoffnungslos, traurig. Dass war ja gar nicht mehr ich. Ich erkannte mich, den eigentlich lebensfrohen Menschen nicht mehr wieder.

Eine Sache gibt es, die mir schon immer durch schwierige Zeiten geholfen hat – früher im Jugendalter, in der folgenden Zeit mit meinen Panikattacken und auch heute noch, wenn ich zum Beispiel Sorgen habe: Ich plane bessere Zeiten. Auch wenn die Aussicht auf bessere Zeiten noch so klein und meilenweit entfernt war und ich dazu gar keine Ahnung hatte, wie ich das schaffen sollte dem selben Thema zu tun: Arbeiten, Sonne, Palmen und Meer.

Habe ich auch noch nichts von der Welt gesehen, weil wir wegen der gesundheitlichen Beschwerden des Familienmitglieds niemals richtig verreisen konnten und habe ich auch noch nicht wirklich etwas über das Arbeitsleben erfahren, weil ich bislang in einem kleinen Dorf festhing und es nichts interessanteres als Kartonagen gab, so wollte ich immer der Geschäftsmann sein, der international tätig ist und die Fäden zieht,- so wie die Menschen, die ich damals vom Flughafen abholen durfte.

Wenn es mir also schlecht ging, plante ich entweder, wie mein Job einmal aussehen soll oder ich schaute mir tolle Plätze dieser Welt an, die ich unbedingt einmal sehen möchte. Konnte ich so in meiner Jugend schon die dunkelsten Stunden in meinem Zimmer überleben, so verhalf mir diese Vorgehensweise auch durch die schlimmsten Todesängste – nur mit dem Unterschied, dass die Umsetzung immer mehr in den Hintergrund rückte wenngleich meine Pläne auch gut waren, da ich ja nicht mal mehr das Haus verlassen konnte.

Trauma-Therapie, Konfrontations-Therapie / alles nicht mein Ding

Ich fing die nächste Therapie an. Dieses Mal sollte ich mein Trauma finden. Ich meine, wie unsensibel kann man sein? Ich habe Schreckliches mitbekommen, in all den Krankenhäusern und auch zu Hause habe ich viel Leid gesehen und ich fand es einfach nur so unverschämt, dass mich jemand aufforderte dies haarklein zu erzählen. Eigentlich ging es mir immer schlechter und auch die Symptome wurden immer stärker, weil die ganzen Erinnerungen noch mehr Stress aufwühlten.

Nun kann man sich darüber streiten, ob das Verdrängen die bessere Variante ist. Einigen wir uns darauf: Es war nicht die richtige Zeit. Man hätte mich dafür erstmal Therapiefähig machen müssen, etwas Stabilität aufbauen, bevor man gleich ins Eingemachte geht. Ich sollte Medikamente nehmen, doch das tat ich nicht, weil ich wusste, dass die ja auch nur etwas unterdrücken, aber nicht lösen. Nur eine, in der Therapiephase noch beiläufige Sache ging mir nicht aus dem Kopf und zwar der Satz: Solange Du in Deinem Trauma lebst, kannst Du nicht heilen.

Ich entfloh meinem Trauma. Die Wendung.

Ich brauchte keinen Psychologen, um zu erkennen, dass ich natürlich weiter in meinem Trauma lebte. Es war Ende April 2012 und das, was dann passiert ist, kann ich nicht erklären, so gut ich es auch versuche. Mich haben schon so viele Menschen gefragt, wie ich das Folgende geschafft habe, ich habe keine Antwort. Vielleicht war es die allerletzte Energie, die mein Körper noch übrig hatte und die er freigesetzt hatte, quasi als Hilfe für mich, damit es aufwärts geht… 28 Tage später war ich in Spanien. One way. Ohne Rückflugticket. Und auch, wie ich da angekommen bin, kann ich nicht in allen Einzelheiten erklären. Ich habe nichts genommen, aber es fühlte sich nach einem tranceähnlichen Zustand an.

Den Satz des Psychologen im Ohr nahm ich wieder meinen Ordner mit all meinen Plänen. Ich hatte bereits einen Ausdruck der perfekten Arbeitsstelle, ganzjährig und auch im Büro und ich schrieb einfach mal eine Bewerbung. Ich wurde genommen. Daraufhin suchte ich ein WG Zimmer, denn alleine wohnen war natürlich unvorstellbar. Ich fand eins. Jetzt war die Frage. Fliege ich oder fliege ich nicht? Ich hatte noch 30 Tage, bis die Arbeit begann, musste aber früher los, damit ich mich um alle Papiere wie Ausweis, Krankenkassenkarte, Bankkonto, Meldebestätigung, Handynummer und Co hätte kümmern können. Die Adressen dafür hatte ich sogar schon in meinem Ordner stehen und die Buslinien, wie ich dahin komme und wie die Station zum Aussteigen heißt, auch. Es hätte also in 20 Tagen los gehen müssen.

Ich holte mir den Segen von Mama. Natürlich war da ein schlechtes Gewissen, sie allein zu lassen, aber sie pflichtete mir bei. Das Flugticket aber kaufte ich nicht. Hätte ja erst noch ne Stunde Zug fahren müssen, um überhaupt zum Flughafen zu kommen. Es war undenkbar und doch war mein neues Leben nur 3 Reisestunden entfernt. Das Leben, welches mit meinen Bedürfnissen hätte übereingestimmt. Mein Ziel war, anzufangen und wenigstens schon mal einen Grund meiner psychischen Erkrankung zum Besseren zu wenden.

An Tag 19 dann buchte ich mein Ticket. Ich hatte nicht mehr viel Zeit zu packen. Einen großen Koffer, ein Handgepäck und meinen großen Teddy, den musste ich in die Hand nehmen. Wenn ich tatsächlich nicht in ein paar Tagen wieder da bin, wollte Mama mir den Rest schicken. Am 28. Mai 2012, ein Montag, ging es los nach Spanien.

Mit einer Panikattacke startete ich ins neue Leben.

Ich schrieb mir die wichtigsten Vokabeln auf. Die wichtigsten Vokabeln waren für mich nicht so was wie „wo finde ich die nächste Toilette“, sondern „mir ist schwindelig“ oder „ich brauche Hilfe“. Mit dem Zug erreichte ich den Flughafen. Dort traf ich noch Freunde. Diese Zwischenstation vertrauter Gesichter half mir viel.

Die Bahnfahrt verlief sogar gut, ich glaube, ich war viel zu aufgeregt, weil der Flug im direkten Vergleich das größere Übel für mich war. Ich checkte ein und saß im Abflugbereich. Mir ging es miserabel, ich konnte die Reize aus Geräuschen, Licht und Lautstärke nicht filtern, Anzeigen nicht lesen und die ganzen Menschen waren eine einzige verschwommene Masse für mich. Ich schaute nur auf meine Füße.

Nach dem Boarding ging ich einen bedeutenden Schritt. Wollte ich nie, dass mich jemand im Fall der Symptome so sieht, ging ich zur Flugbegleitung und erklärte meine Lage. Der Mann der vorderen Reihe konnte es hören und ungefragt sagte er, dass ich mich nach vorne in die Nähe der Begleiter setzen könne und er meinen EconomyPlatz nehmen würde. Zum ersten Mal merkte ich, dass die Menschen Verständnis haben, insofern man sich erklärt.

Ich glaube dieses Verständnis, was alle Betroffene von der Gesellschaft haben möchten, liegt nicht nur an der Gesellschaft, sondern auch daran, dass Betroffene nicht sprechen. Wie soll man jemanden fühlen, der nicht erklärt? Wenn ein Mensch ein Mal davon hört, kann es sein, dass er dem keine große Bedeutung zuspricht. Stehen aber alle Betroffenen auf, so wie es andere Kleingruppen auch tun, erreicht man auch Gehör und man regt das Nachdenken der Menschen an.

Die Maschine hob ab und mein Puls raste. Ich brauchte nicht mal meine Uhr, um zu wissen, dass wir die 120 überschritten habe. Mein Pullover war plötzlich zu eng, der Anschnallgurt zu fest. Hitzewallungen. Die Frau neben mir begann ein Gespräch. Ich konnte mich darauf nicht konzentrieren, hörte nicht, was sie sagte und doch antwortete ich.

Die Anschnallzeichen gingen aus und die Flugbegleitung kam zu mir. Ich ging auf Toilette. Bewegte mich. Lächelte Menschen an. Heute weiß ich, dass das Lächeln eines anderen Menschen Entspannung bringt, weil er den sozialen Vagus in unserem autonomen Nervensystem triggert und dieser steht dafür, runter zu kommen. Irgendwie vergingen die 2 Stunden Flug und genau das ist es, was ich meine, ich kann darüber nicht mehr berichten. Außer, dass die Flugbegleitung immer darauf achtete, dass ich genug Wasser hatte und nicht hyperventilierte (was ja dann die Symptome zur Panikattacke erst steigert) weiß ich einfach nichts mehr davon.

Was danach passierte, dass weiß ich aber noch genau. Nach dem Flug holte ich meinen Koffer, ging in die Empfangshalle und hier kam alles raus. Die vielen Menschen, das Weite, das Fremde. Ich wusste zwar, in welchen Bus ich zu meinem WG Zimmer hätte gebraucht, aber ich wusste nicht, wo die Busse stehen. Bis hier hin hat es mein Körper geschafft doch jetzt ging nichts mehr.

Panikattacke. Irgendwo ganz weit weg nahm ich noch hektisches, spanisches Gerede war und dann kam schon ein Sanitäter. Im Krankenhaus wurde natürlich alles gecheckt und natürlich konnte ich auch ohne Befund wieder gehen. Aber dieses Nachsehen hilft ja auch für ein paar Stunden, quasi die neue Bestätigung, dass da nichts ist.

Mit einem Taxi fuhr ich zu meiner neuen Wohnung bzw meinem neuen Zimmer, wo ich herzlich empfangen wurde und ich erledigte all den Papierkram in den nächsten Tagen und der erste Arbeitstag war richtig klasse.

Die Panikattacken wurden weniger, weil ich nicht mehr in meinem Trauma lebte.

Und in all der Zeit hatte ich keine Panikattacke. Ich konnte mir das nicht erklären. Heute weiß ich: Es kam kein neuer Stress hinzu. Mein Körper war zwar mit Stress geflutet, aber er konnte sich um die Altbestände kümmern, ohne ständig neue Zufuhr herunter regeln zu müssen. Ich war nicht symptomlos, lief immer noch mit Angst vor der Angst umher, aber eine Panikattacke hatte ich in den ersten Wochen nicht. Mein Vermeidungsverhalten wurde weniger.

Und hier hatte ich den Beweis. Das Vermeidungsverhalten wird nicht weniger, wenn man die Situationen, die man meidet konfrontiert, sondern wird das Vermeidungsverhalten weniger, wenn man weniger intensive Symptome hat. Weil man dann Platz hat für kleinere Stresszufuhren.

Diese Erkenntnis beflügelte mich und ich wurde richtig wütend auf all die tollen Therapeuten, die ich in Deutschland so hatte, die mich immer weiter mit Angst fluteten, entweder, weil ich Dinge konfrontieren oder weil ich über meine Vergangenheit reden sollte.

An dieser Stelle möchte ich Dir sagen:

Das Unmögliche ist möglich. Das ist meine Botschaft an jeden von Euch. Und es ist rückblickend gar nicht so schwer. Denn: Das Verlassen der Komfortzone, erscheint unmöglich, wenn man tief in seinem Teufelskreis sitzt. So wie es bei mir der Fall war, als ich mein Trauma weiter lebte. Zu dieser Zeit war nicht mal das Brötchenholen möglich, weshalb der Gedanke, darüber hinaus auch noch die Komfortzone zu verlassen, nicht denkbar war. Die Komfortzone zu verlassen bedeutet aber viel mehr, seinen eigenen Weg zu gehen – raus aus seinem Trauma. Die Komfortzone zu verlassen ist bei den ersten Schritten mehr als unangenehm, aber dann trägt sie dazu bei, zumindest schon einmal die tägliche Stresszufuhr zu verringern, um überlebensfähig zu werden. Man muss es ja nicht so hart machen, wie ich es getan habe. Man kann ja auch erstmal, insofern man eine gute Therapie für sich findet, mit Hilfe dieser Stabilität aufbauen, damit das Verlassen der Komfortzone dann auf einem sanfteren und weniger unangenehmen Weg möglich ist.

Aber es ist ein guter Weg, der Euch sogar voran bringt. Es läuft nämlich nichts verkehrt, weil die psychische Erkrankung da ist, sondern ist die psychische Erkrankung da, weil etwas verkehrt läuft.

Es ist ja ganz logisch: Der Stressbehälter ist übergelaufen, zerbrochen, gesprengt, der Organismus wurde geflutet und muss mit all dem klar kommen. Kommt aber Tag für Tag weniger Stress hinzu, weil die Grundstruktur verändert wurde, hat der Organismus ja überhaupt erst die Möglichkeit, den Stress der Vergangenheit abzubauen.

Die Veränderung der Lebensstruktur ist meist der Schlüssel.
Nicht zur Heilung. Aber um den Heilungsweg gehen zu können.

Die Veränderung der Struktur, die also zur psychischen Erkrankung führte, ist eine gute Basis, um dann überhaupt den Stressbehälter reparieren zu können. Ab diesem Moment wird Erleichterung einsetzen, Besserung kann entstehen und Heilung beginnen.

Man muss dafür nicht gleich umziehen. In meinem Programm gibt es alle notwendigen Skills. Bei mir aber war es nötig, weil es offensichtlich schon immer mein Bedürfnisse war, aus dem Kaff herauszukommen. Ich lebte also mit Veränderung meiner Lebensstruktur Erleichterung.

Diese trug nicht zu meiner Beschwerdefreiheit bei, wenngleich es mir auch einige Wochen erstmal gut ging, folgten weitere Panikattacken und auch das Einkaufen, der Bus oder die Menschenmengen waren weiter ein Problem für mich und das Autofahren war das Letzte, was ich nach weiteren 4 Jahren wieder lernte. Aber: Ohne die Veränderung meiner Lebensstruktur behaupte ich heute, dass ich noch immer nicht genesen wäre. An diesem Punkt wurde ich aber zunächst wenigstens erstmal wieder lebensfähig.

Wie es von der Erleichterung bis zur Beschwerdefreiheit weiter ging, erfahrt Ihr im 4. Teil zum Thema „Hallo! Ich bin Claudia!“