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Weihnachten mit Depressionen und Panikattacken

24. Dez 2020 | Über mich

(M)eine Weihnachtsgeschichte Teil 3: Wie habe ich Weihnachten damals mit meiner psychischen Erkrankungen erlebt?

Wie sehr mich schon die Vorweihnachtszeit stresste, lest Ihr im ersten Teil meiner Weihnachtsgeschichte. Und wie schlimm sich vor allen Dingen meine Angststörung mit Panikattacken am Weihnachtsmorgen zeigte, lest Ihr im zweiten Teil meiner Weihnachtsgeschichte.

Ich war also vom „Spaziergang“ zurück und es gab Kaffee und Kuchen. Kaffee und Tee trinke ich wegen des Koffeins bzw. Teeins nicht, was ja in den Augen eines Kaffeetrinkers völliger Blödsinn ist. „Also ich habe davon keinen hohen Puls.“ Mit den Worten „Bitte gib mir einfach die Wasserflasche“ ignorierte ich diese Diskussion. Mit dem Kuchen hatte ich auch so meine Probleme, denn auch der raffinierte Zucker triggert meine Unruhe. „Wenn Du eh nichts isst, muss ich das ja nicht machen.“

Mit diesem Druck konnte ich überhaupt nicht umgehen und emotionslos wie ich war antwortete ich: „Die Ironie ist ja, dass Du weißt, dass ich diese Dinge nicht esse / trinke und Du machst / besorgst sie trotzdem!“ 

Ja, ich ging früher voll auf Konfrontation, weil mir sachliche Gespräche zu anstrengend waren und mir generell alles gleichgültig war. Ich würgte mir ein Stück Kuchen rein und versuchte mich zu beherrschen, damit wir einen schönen Weihnachtsabend verbringen konnten.

Weihnachten mit Depressionen und Panikattacken

Meine Depressionen waren ein Ergebnis meiner Angst- und Panikstörung. Und so erfolgten diese Beschwerdebilder auch in den nächsten Stunden nacheinander. Der Lichterbogen wurde eingeschaltet, der Adventskranz angezündet und das Licht gedimmt. Reize, mit denen ich überhaupt nicht zurecht kam. Nach einer Stunde Smalltalk, auf den ich mich kaum konzentrieren konnte, weil das Gesicht der Person mir gegenüber in diesem Licht unwirklich vorkam, gabs dann Kartoffelsalat mit Würstchen.

Desto öfter mein Blick zwischen nah und fern wechselte (Person und Teller) desto schlimmer wurde dieses benommene, neblige Gefühl. Mein Atem wurde schneller, ich wackelte mit dem linken Bein unter dem Tisch, kniff mich in den Oberschenkel. Das Herz pochte mir bis in den Hals und mir wurde heiß. Ich hatte das Gefühl, und das weiß ich heute noch genau, als würde mein Kopf gleich einfach in den Teller Kartoffelsalat fallen. Als würde ich ohnmächtig werden und keine Kontrolle mehr über meinen Körper haben.

Die Unterhaltung wurde immer schwerer. Ich merkte, wie meine Stimme zittrig wurde und die andere Person immer mehr in meinem Nebel verschwand. Ich machte Übungen mit meinem Gesicht, in dem ich überprüfte, ob ich auch noch beide Mundwinkel hochziehen könnte, denn meine Wangen fühlten sich bereits taub an und ich es fühlte sich an, als würden mir meine Muskeln erschlaffen.

Angststörungen und Panikattacken:
Angst vor Kontrollverlust und Ohnmacht

Ich flüchtete auf die Toilette und riss das Fenster auf. Draußen war es bereits dunkel. Auch Dunkelheit machte mir Angst, denn irgendwie bedeutete Dunkelheit für mich, dass das Leben still steht. Dunkelheit hatte für mich etwas von Hilflosigkeit und Alleinsein. Wenn es dunkel ist, haben die Ärzte geschlossen und in die Notaufnahme wollte ich nicht schon wieder. Jeden Tag war ich froh, wenn es endlich hell wird. Deshalb mochte ich die Sommermonate so.

Ich schnappte nach Luft, denn es fühlte sich schon wieder nach dem Ende meines Lebens an. Ich glaubte, dass mein Körper nicht mehr alleine einatmen konnte. Ein neues Symptom. Ich atmete unkontrolliert und ewig lang aus und dann war da eine Pause. Panisch atmete ich wieder ein, meine Beine begannen zu zittern und die Taubheitsgefühle wurden schlimmer. Heute weiß ich, dass ich hyperventilierte, heute und dank meiner 8-Wochen-Programme weiß ich, dass ich mir den Teufelskreis selbst schnürte. Doch das konnte ich damals nicht sehen.

Ich legte mich auf den Boden und die Beine auf den Wannenrand. Mir wurde plötzlich kalt und ich bekam Schüttelfrost. „Bist Du eingeschlafen?“, fragte die Person durch die verschlossene Tür. „Ich komme sofort“, antwortete ich und meine Wut, diesen Tag auf diese Weise verbringen zu müssen, wurde immer stärker. Mein Zorn ging leider auch in Richtung der Person, mit der ich Weihnachten verbringen sollte, da sie mir diesen Tag ja „angetan“ hat, was natürlich völliger Blödsinn war.

Den Teufelskreis der Angst und Panik erkennen

Ich lag also auf dem Boden und erinnerte mich: Immer, wenn das Kältegefühl kam, wurden die Symptome besser und ich betete, dass das auch in dieser Situation der Fall war. Normalerweise sollte sich die Angst mit dieser Erkenntnis neutralisieren, denn wenn man den Teufelskreis der Angst erkennt und versteht, dass sich die Dinge wiederholen und dabei „nicht wirklich“ etwas passiert, sollte ein erstes Gefühl der Sicherheit eintreten. Dass funktioniert nur leider nicht so einfach, weil ohne klare Sicht (und die hat ein Betroffener nicht) der Körper und die Psyche nicht von dem Stresslevel herunterkommen. Denn die nächsten Herausforderungen, vor denen ich Angst hatte, standen ja schon bevor.

In meinem Fall die Bescherung. Wir überreichten uns die Kleinigkeiten. Die andere Person freute sich, was mich freute und ich, ich wurde wieder einmal zum Schauspieler. Ich versuchte zu lachen und mich ebenfalls zu freuen, doch es kam nicht von Herzen. Mein Herz war tot. Eingefroren. Kalt. 

Durch die Todesängste und den Zustand, dass ich nicht mal mehr meinen Alltag bewerkstelligen konnte, durch die Hilflosigkeit und den verlorenen Glauben an Besserung hatte ich so große Depressionen, dass kein Geschenk der Welt mich dieses hätte auch nur kurz vergessen lassen können, wie aussichtslos mein Leben ist. Meine Gedanken kreisten eher schon um die Frage, wie ich nach Hause kommen sollte.

Psychische Erkrankungen bedeuten,
das eigene Leben nicht mehr steuern zu können

Ich schrieb einem Freund, der ebenfalls in der Stadt wohnt, aber mit mir auf dem Dorf, in dem es keinen Taxistand gab, aufwuchs. Die Chance war groß, dass er am Abend ebenfalls wieder zurück in die Stadt fahren würde. Dem war auch so, er wollte um 21 Uhr in Richtung Disco fahren und er erklärte sich bereit, mich mitzunehmen. 

Um 20.30 Uhr überkam mich dann das Gefühl der Reue und Unzufriedenheit. Ich erkannte, dass ich wieder einige Stunden, also kostbare Zeit, kaputt gemacht hatte. Ich hatte nichts davon, weil ich mich wie ferngesteuert fühlte und die andere Person hatte nichts davon, weil ich mich ihr gegenüber nicht fein verhalten konnte. Das war keine Absicht. Ich hatte einfach keine anderen Möglichkeiten. Mein Körper und meine Psyche stellten mir keine Alternativen. Ich musste selbst sehen, wie ich überlebte.

Auf eine Panikattacke folgt dann die Depression und Erschöpfung

Ich rutschte in eine depressive Phase ab, weil ich es, so wie ich es damals wahrnahm, wieder einmal versaute. In den letzten 30 Minuten versuchte ich also, die letzten vier Stunden wieder gut zu machen, überschüttete die Person gegenüber mit Liebe, Umarmungen und Tränen.

Sie war wohl nicht böse, riet mir wieder einmal zu einem Psychologen zu gehen. Ich hatte ja bereits einen Termin, der war aber erst im kommenden April 2012. Ich hatte keine Ahnung, wie ich die vier Monate bis dahin überstehen sollte und – was ja eigentlich klar war – wusste ich, dass so ein Termin ja auch nicht alles gut machen könnte.

Mein Kumpel holte mich ab. Das Haus zu verlassen war wie ein Befreiungsschlag. Ich bekam wieder Luft. Das Einsteigen in das Auto meines Kumpels war wie der nächste Käfig. In dieser Zeit machte ich Dinge, die ich nicht wollte, nur, weil sie besser als die Alternative waren. Es war schrecklich. Ich versuchte, durchs Leben zu kommen, bin teilweise in Abhängigkeiten und Momente gerutscht, die ich, als ich noch „ich“ war, nie getan hätte, nur, um überleben zu können.

Mein Freund setzte mich zu Hause in meiner Wohnung ab und ich fiel müde ins Bett. Meine Energie reichte nicht einmal mehr, um mir die Kleidung auszuziehen. Ich war traurig. Traurig, weil ich seit Monaten keinen „normalen“ Tag mehr erleben konnte. Traurig, weil meine Freunde von „damals“ nun in der Disco feiern und ich diese Enge nicht mehr ertragen konnte.

Mein Freundeskreis wurde immer kleiner. Nicht, weil sie mich gleich aufgegeben hatten, sondern weil ich ihnen keine Antworten geben konnte. Meine einzige wirkliche Freundin, die mir Halt gab, war gerade nach Berlin gezogen und ich hoffte an diesem Abend einfach nur noch, dass der nächste Morgen schnell kommen und es wieder hell werden würde.

Am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag ging das dann so weiter, denn an Feiertagen hatten keine Ärzte auf und ich fühlte mich völlig unsicher, weshalb ich den ganzen Tag Symptome spürte. 

Ich machte mich von Öffnungszeiten, einem Blutdruckgerät und Pseudofreunden abhängig und konnte absolut nicht sehen, dass der richtige Ansatz, um aus dieser Misere wieder herauszukommen, ganz wo anders lag, nämlich bei mir und meiner Vergangenheit.

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