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Erinnerung: Mein Weihnachten mit psychischen Erkrankungen

23. Dez 2020 | Über mich

(M)eine Weihnachtsgeschichte Teil 2: Wie habe ich Weihnachten damals mit meiner psychischen Erkrankungen erlebt?

Angst vorm Autofahren:
An Weihnachten macht die Angst keine Pause

Wie sehr mich schon die Vorweihnachtszeit stresste, lest Ihr im ersten Teil meiner Weihnachtsgeschichte. Ich entschied mich also, ein Taxi aus der Stadt (meiner Wohnung) hinaus aufs Dorf (mein Elternhaus) zu nehmen, da ich keine Möglichkeit sah, diese 15 km selbst mit meinem Auto zurück zu legen.

Die Erwartungsangst vor erneuten Panikattacken war zu groß – oder – anders gesagt, hatte ich ja den ganzen Tag über Symptome wie Schwindel und Benommenheit sowie Herzrasen und Atembeschwerden und es kam für mich gar nicht in Frage, mit diesen Beschwerden überhaupt ins Auto einzusteigen.

Wie ich dann am Abend wieder zurück in die Stadt kommen sollte, wusste ich noch nicht. Von dem Taxi zu erzählen, war keine Option, denn gerade an diesem Weihnachts-Tag, der mir alles an Kraft abverlangte, hatte ich keine Nerven für ein „gute-Ratschläge-Gespräch“ ohne hilfreichen, unterstützenden Inhalt.

Doch auch mit dem Gedanken an das Taxi war mir nicht wohl. Was, wenn mir schlecht wird oder ich diese Wahrnehmungsstörungen habe? Wenn plötzlich Körperteile taub werden und kribbeln und mein Herz zu rasen beginnt? Ich würde peinlich auffallen, Gesprächsthema unter den Taxifahrern werden.

Ich zog mir eine schwarze Hose und eine Bluse an und ging ins Badezimmer. Ich machte mich notdürftig fertig. Der Boden bewegte sich und obwohl ich es mir vornahm, schaffte ich es nicht, mich zu schminken. Die innere Unruhe war so groß, ich fühlte mich zittrig und mehr als ein Zopf war nicht drin.

Angst vor dem Kontrollverlust:
Sie verfolgt Betroffene zu jeder Zeit

Als ich nochmal in den Spiegel blickte, war meine Wahrnehmung neblig. Da war er wieder der Moment, in dem ich glaubte, jeden Moment umzukippen. Niemand würde mich finden, ich würde keine Hilfe bekommen. Ich machte meine Wohnungstür einen Spalt auf. 

Einen Sinn gab es dabei nicht wirklich, denn ich hatte keinen Notfallkontakt im Haus. Und einem Freund oder einer Freundin wollte ich jetzt auch nicht schreiben, schließlich war es schon nach 13 Uhr am heiligen Abend. Mit der offenen Tür fühlte ich mich aber wohler, denn die Person, die auf mich wartete, würde mich spätestens ab 15.30 Uhr kontaktieren und, würde ich mich nicht melden, suchen.

Nun stand mir der nächste große Schritt bevor: Die Wohnung verlassen, einmal quer über den Marktplatz gehen und a Taxistand in ein Taxi steigen. „Hoffentlich ist auch gerade ein Taxi da, nicht dass ich da warten muss!“, schoss es mir durch den Kopf. Denn warten und still stehen konnte ich gar nicht. Ich tippelte dann immer von einem Fuß auf den anderen und die Fugen der Gehwegplatten wurden zu einer Masse.

Schon im Treppenhaus fühlte sich das Geländer, an dem ich mich mit der linken Hand festhielt, irgendwie weich an oder, anders ausgedrückt, meine Hand fühlte sich an wie Gummi, ich fühlte das Geländer nicht. Sofort atmete ich panisch und schneller und ich setzte mich auf eine Stufe, um noch mal rasch den Blutdruck zu kontrollieren.

Meine Lieblingsaufgabe seit einigen Monaten, die zu einer Zwangsstörung wurde. Wie immer, ein perfekter Wert – ich verließ das Haus und rannte quasi über den Marktplatz. In einem normalen, entspannten Tempo konnte ich schon lange nicht mehr gehen. Wenn ich mein Körper nicht auf Touren brachte, dann fühlte es sich an, als hätte ich keine Kontrolle mehr über ihn gehabt. 

Es war kalt, meine Augen tränten ein bisschen und schon war das Kopfsteinpflaster verschwommen. Schreckhaft schaute ich hoch und auch die rote Aufschrift „Malteser-Apotheke“ konnte ich nicht mehr erkennen. Mein Herz pochte, mir wurde heiß. Glücklicherweise konnte ich bereits ein Taxi stehen sehen.

Der Teufelskreis der Angst ist allgegenwärtig

In dem Moment war das Taxi wie ein Ufer für mich, als sei ich zuvor im offenen Meer rumgeirrt, obwohl ich andererseits ja auch vor dem Taxi Angst hatte. Ich riss die hintere Tür auf, schmiss meine Tasche hinein, zog meine Jacke aus und stieg ein. 

Nachdem ich dem Fahrer mein Ziel mitteilte, steckte ich mir Kopfhörer in die Ohren. Nicht weil ich Musik hören wollte, denn ich diesen Panikphasen hat mich selbst Musik nervös gemacht. Sie war mir zu laut. Nein, ich wollte so vermeiden, dass mich der Fahrer anspricht. 

Ich zog den Kragen meiner Bluse weg vom Hals, weil ich ein Kloßgefühl im Hals bekam und deshalb die Luft knapp wurde. Dabei lag der Kragen der Bluse gar nicht eng am Hals an und doch zog ich ihn so weit es ging nach vorne. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand versuchte ich dann meinen Puls am linken Arm zu messen, natürlich konnte ich mein Blutdruckgerät ja nicht einfach auspacken.

Mindestens 120, das war klar. Ich konzentrierte mich auf meine Oberschenkel, fixierte einen Punkt und unten an der Straße meines Elternhauses stieg ich aus, damit man das Taxi aus dem Fenster auch nicht sehen konnte.

Die restlichen Meter wackelte ich mit weichen, zittrigen Beinen „nach Hause“, mit dem Wissen, dass ich dort, was das Hilferufen angeht, erstmal in Sicherheit bin.

Heute weiß ich, dass ich Sicherheiten an einer Stelle suche, an der ich alle Sicherheiten einst verloren hatte. Kein Wunder, dass das Gefühl dieser Sicherheit dort nie in mir aufkam. Aber das verstehe ich erst seit meinem Therapie-Programm.

Die kleinsten Aufgaben sind bei Angststörungen
und Panikattacken eine unüberwindbare Herausforderung

Die Person, die ich besuchte, war gerade selbst erst heim gekommen und drückte mir den Hund in die Hand mit der Bitte, ihn noch auszuführen. 

Was sagst Du da? Meine Kraft war zu diesem Zeitpunkt bereits erschöpft. Ich wollte mich setzen, mich zurück ziehen. Aber es würde niemand verstehen. Was hatte ich an dem Tag schon gemacht, um mich ausruhen zu müssen? Außerdem kann man einer kleinen Bitte ja nachkommen.

Aus eigentlich gutem Willen nahm man mir meine Tasche ab, die ich ja nicht hätte mit rumtragen müssen. Ich merkte, dass ich die Diskussion nicht gewinnen würde, nahm die Leine und den Hund und als ich mich umdrehte, um den Hof zu verlassen, kamen mir die Tränen. Mein Blutdruckgerät war jetzt nicht bei mir. Ein Gerät, von dem ich mich und meinen Zustand abhängig machte.

Wenn die Angst lähmt… ein Teufelskreis

Es war witzig. Selbst wenn es mir gut ging, der Blutdruck aber nicht so war, wie ich ihn wollte, entschied ist, dass es mir schlecht ging, obwohl es mir gut ging. Dann kamen die Symptome, weil der Blutdruck ja „schlecht“ war (ich hatte nie einen wirklich schlechten Blutdruck, nur in meiner Wahrnehmung) und dann wurden die Werte immer besorgniserregender.

Aber zurück zum Spaziergang. So sehr ich auch Angst vor der Stadt hatte (Menschenmengen…) so viel Angst hatte ich auch auf dem Feldweg (Weite, Alleinsein…).

Beim letzten Haus, bevor es aufs Feld hinaus ging, machte ich Halt. Denn wenn etwas sein würde, könnte ich da ja noch schnell klingeln. Ich zündete mir eine Zigarette an und verweilte mit dem Hund etwa 20 Minuten.

Ich weiß noch, wie ich zu dem Hund, mit dem ich auch groß wurde und den ich liebte, weinend und streichelnd gesprochen habe, als er immer wieder versuchte, weiter zu gehen. „Carmen, es tut mir so leid, aber ich kann das gerade nicht. Ich bin furchtbar krank geworden und das, was uns einmal Spaß gemacht hat, macht mir jetzt große Angst. Es lähmt mich. Es macht mich unfähig zu leben. Bitte verzeih mir das.“

Nach etwa 20 Minuten bin ich schnell zurück ins Haus, wo nun ein toller Weihnachtsabend verbracht werden sollte.

Weiter gehts in Teil 3. Folgt mir auch auf Instagram.